Wildkatze und Gentleman
Ein Atemzug
Ein Auszug aus Kapitel 14 - Die Wildkatze
Der Abend legte sich sanft über die Wüste. Das Geschehen des Tages wurde ruhiger und zog sich in die Häuser zurück. Hier und da spielten ein paar Grillen ihr durchdringendes Gute-Nacht-Lied.
Zwei Lichtkegel bahnten sich ihren Weg durch die Dunkelheit und fielen auf die Straße vor ihnen. Die Luft legte sich kühl und leise auf ihre Schultern, während Nora und Sofia schnellen Schrittes in Adrians Truck stiegen.
Sofia ging direkt nach hinten und nahm hinter Adrian Platz, während Nora sich mit einem leichten Schwung auf den Beifahrersitz setzte.
„Und, wie geht's?”, fragte er Nora grinsend.
„Gut. Wir brauchen Partymusik”, forderte sie ihn spielerisch auf.
Er blickte sie mit großen Augen an, hielt kurz inne und griff nach seinem Handy. Eifrig durchforstete er seine Playlist auf der Suche nach einem passenden Lied.
„Ich hab eigentlich kaum Partymusik”, murmelte er leise.
Nora beobachtete ihn mit einem sanften Lächeln auf den Lippen, blieb still und ließ ihm Zeit, ihrer Bitte nachzukommen.
Während er weiter über den Bildschirm scrollte, wendete er den Wagen in Richtung Stadt und fuhr los.
Nora blickte in die Nacht und musste innerlich grinsen. Der Weg in die Stadt war nicht weit – keine zehn Minuten – und doch lag eine eigentümliche Ruhe im Auto.
Plötzlich ertönte ein Lied.
„Mh, nee. Hast du noch was anderes?”, fragte Nora unbeeindruckt, innerlich schreiend vor Lachen.
Ohne Kommentar nahm er die Suche wieder auf und fand kurzerhand ein passenderes Lied. Nora sah die Erleichterung in seinem Blick, als sie ihm anerkennend gegen den Arm schlug und begann, Schultern und Arme rhythmisch zur Musik zu bewegen.
Nach dem ersten Refrain bebte das Auto vorne durch Noras lauten Gesang und ihre mitreißenden Bewegungen.
Hinten bei Sofia blieb es ruhiger.
Sie schwang leise mit, während sie nebenbei ein paar Nachrichten an Freunde und Familie verschickte.
Wie ein Fels in der Brandung hielt Adrian dem Beben stand.
Der Blick fest auf die Straße gerichtet, die Hände ruhig am Lenkrad. Doch kleinste Mikrobewegungen um seine Mundwinkel verrieten etwas anderes.
Das Lied war gerade zu Ende, als sie die Stadt erreichten – und Adrian versehentlich, zumindest behauptete er das, die falsche Abfahrt nahm und noch eine kleine Extrarunde drehte.
Aus Versehen? Na, wir lassen das mal so stehen. Aber ich weiß genau, warum du eine Extrarunde fährst. Und ich gebe es dir gern.
Die freien Parkplätze zogen an ihnen vorbei, doch Adrian machte keine Anstalten, eine Lücke zu nehmen. Das Lied lief bereits in Dauerschleife, während das Beben im Wagen unvermindert anhielt.
„Er kann doch hier parken. Oder da vorne, wo ich letzte Woche mit deiner Tante geparkt hatte”, gab Sofia Nora zu verstehen.
Nora ließ es vorerst unkommentiert und gönnte Adrian noch ein paar Momente Zeit, bevor sie schließlich beiläufig erwähnte, dass er auf dem großen Parplatz am Eingang der Stadt parken könne.
„Von hier aus haben wir ein guten Startpunkt, um die Bar zu finden”, sagte sie ruhig zu ihm.
Nora stieg aus und ging entschlossen los.
Sie konnte sich nur noch vage daran erinnern, wo die Bar mit dem Billardtisch lag, die sie im letzten Jahr gesehen hatte, als sie abends mit ihrer Tante und ihrem Onkel in der Stadt gewesen war.
Den Blick fest auf die Straße gerichtet, spürte sie plötzlich, dass hinter ihr etwas nicht stimmte, und blieb abrupt stehen.
Als sie sich umdrehte, sah sie, dass Sofia und Adrian ebenfalls stehen geblieben waren. Während Adrian sie mit einem ruhigen, beobachtenden Blick ansah, fragte Sofia, was sie denn jetzt vorhätte.
„Na, wir suchen die Bar mit dem Billardtisch. Folgt mir, ich bin mir sicher, die ist in dieser Straße weiter vorne”, entgegnete Nora bestimmt.
Ihre Erinnerung täuschte sie nicht. Nach wenigen Minuten erreichten sie die Bar. Nora lugte durchs Fenster, stieß einen leisen Freudenschrei aus und feierte sich selbst.
„Ha, sag ich doch, ich finde sie.”